Waldemar Bonsels

Biographie

Abenteurer Bonsels

Auch Bonsels, 1880 im Holsteinischen an der Küste geboren, empfand sich  ähnlich wie seine Figur Biene Maja – als Abenteurer. Bezeichnend sind seine Erinnerungen Tage der Kindheit, wie der Titel seiner zwischen 1917 und 1925 erschienene autobiographische Trilogie: Aus den Notizen eines Vagabunden.

Tatsächlich hatte Bonsels mit 17 Jahren vor dem Abitur Schule und pietistisch geprägtes Elternhaus verlassen. In Bielefeld durchlief er in einer Weberei eine kaufmännische Lehre, um sich fünf Jahre später, 1902, in Basel und London zum Missionskaufmann ausbilden zu lassen. Er reiste im Oktober 1904 über Triest, Ägypten und die Türkei nach Cannanore, Indien, um mit seinen kaufmännischen Kenntnissen den Handel der Basler Mission zu optimieren – offenbar zum Missvergnügen seiner dort installierten Schweizer Kollegen. Nach einem halben Jahr ließ er sich in München nieder und gründete in Schwabing, inmitten der aufstrebenden jungen, von Frank Wedekind, Joachim Ringelnatz, Franziska zu Reventlow, den Brüdern Mann und dem George-Kreis geprägten Literaturszene seinen eigenen Verlag.

Dort ließ er sein erstes Werk erscheinen: Mein Austritt aus der Basler Missions-Industrie und seine Gründe, in dem er seinem ehemaligen Arbeitgeber in Indien Ineffektivität und Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung vorwarf. Der „offene Brief“ brachte dem jungen Autor und Unternehmer einige Aufmerksamkeit, die folgenden Veröffentlichungen, ein knappes Dutzend Romane und Gedichtbände, fanden immer mehr Leser. Mit ihren zeitgemäßen Themen: dem gespannten Verhältnis zwischen Künstler und Bürger, dem gerne erotisch befeuerten Ausbruch der Söhne und Töchter aus ihrem Elternhaus, mit ihren breit angelegten Naturschilderungen bereiten diese Schriften Bonsels´ größten Erfolg vor. Auch die Wendung, die er in der Biene Maja seine Titelfigur nehmen läßt, ist in den vorangehenden Werken insofern angelegt, als Bonsels den Bruch mit dem Herkommen als zwar lockend und bereichernd, aber auch als lebensgefährliches Unternehmen schildert.

Als Maja auf ihrer Entdeckungsfahrt in die Gefangenschaft eines Hornissen-Stamms gerät und erfährt, daß ihr heimatlicher Bienen-Staat überfallen werden soll, erwacht ihr Bewußtsein, Teil der Gemeinschaft und als solcher für diese Gemeinschaft verantwortlich zu sein. Mit List gelingt ihr die Flucht, sie findet den Weg zu ihrem Bienenstaat und rettet durch ihre Tat „ihr Volk“. Die heroische Haltung, die Bonsels der Schlacht zwischen Bienen und Hornissen als dem Höhepunkt des Abenteuers unterlegt, offenbart gewiß den europäischen Zeitgeist der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Gleichwohl sind es Einsicht und Erkenntnis des Vernünftigen, Nützlichen und Guten, die das Handeln Majas vermittelt. 

Damit gibt sich die Biene Maja als typischer deutscher Entwicklungsroman zu erkennen, der in seinem Aufbau und Ablauf Ähnlichkeiten mit Goethes Wilhelm Meister aufweist, dessen Titelfigur bekanntlich ebenfalls das sichere Zuhause verläßt, abenteuernd und Erfahrung sammelnd durch die Welt zieht, um endlich durch eigene Einsicht in das Mögliche und Gute als Arzt seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. 

Literarisches Selbstverständnis und Schriftstellerlaufbahn Bonsels

Einen ähnlichen Weg hat auch Bonsels beschritten. Nach den Erfolgen der Biene Maja und seines 1916 erschienenen Reiseberichts Indienfahrt kaufte sich Bonsels zwei Villen, eine in Ambach am Starnberger See, eine auf Capri. Beide bildeten bis zu seinem Tod 1952 die Pole seines Lebens, über die er bisweilen für Reisen nach Ägypten, die Türkei, die USA und Brasilien hinaustrat.

Zweifellos sah sich Bonsels in seinem „klassischen“ Habitus, in seiner Selbstinszenierung als Dichter und Denker (wozu wesentlich die sorgfältig ausgewählten Anzüge, die gediegenen Möbel und die Geige gehören) als Erbe der deutschen Geistestradition. Aus ihr ist auch Bonsels´ Naturmystik zu begreifen, die Natur, Mensch und Kultur als kosmische Einheit begreift. Heute spricht man, meist ohne die für Bonsels´ Denken wichtige religiöse Verankerung, von Ganzheitlichkeit.

Dieses Bild der Welt als einer sinnerfüllten göttlichen Schöpfung entwirft Bonsels in allen seinen Romanen (auch nach 1916 folgt jedes Jahr ein Titel). Er verstand sich selbst als „Dichter“, als Gegenfigur zum „Literaten“: Der Dichter ist Seher, Prophet und Mystiker, der Literat nur der realistisch-soziologische Schilderer großstädtischer Welten. Mit diesem gegen den Rationalismus der wissenschaftlichen und industriellen Moderne gerichteten Weltbild war Bonsels auch für die NS-Ideologie zu vereinnahmen. Das erklärt seinen Erfolg auch in den 1930er und 1940er Jahren. Allerdings hatte Bonsels unmittelbar nach 1933 mit antijüdischen Artikeln, in denen er auch die Bücherverbrennung verteidigte, selbst versucht, seinen Rang als Erfolgsschriftsteller zu halten.

So betrachtet, gehört Bonsels zu den Autoren unserer Kulturgeschichte, die wie Signale einer vergangenen Epoche in unsere Gegenwart ragen, der Epoche des „deutschen Geistes“, die mit dessen Missbrauch durch die mystifizierende Ästhetik des Nationalsozialismus zu Ende gegangen ist, die uns gleichwohl beschäftigt und noch lange beschäftigen wird. An Bonsels läßt sich zeigen, daß diese Epoche bewahrenswerte, und selbst aktuelle Gedanken vermittelt, daß sie aber ebenso einem weltanschaulichen Abschnitt angehört, der Geschichte geworden ist.